Zukünftige Digitale Erlebniswelten

Neues technisches Umfeld
Das iPad/iPhone kann man auch als Steuergerät betrachten, das Sensordaten empfangen, verarbeiten und Aktordaten ausgeben kann. Dadurch ist es möglich, Klänge und Musik mit Bildern (Fotos, Videos) in zweifacher Weise zu verknüpfen: Musik erzeugt oder steuert Bilder an und umgekehrt Bilder erzeugen Musik. Bereits im Barock hat man Musik mit anderen Elementen verknüpft. Wie Händel seine Wasser- und Feuerwerksmusik schuf, so können wir heute mit einem wesentlich größeren Schatz von preislich erschwinglichen technischen Möglichkeiten neue Erlebniswelten schaffen. Das Fernsehen, die letzten Olympiaden, Theater (Wasserbühne in Bregenz) und die Rock-Shows zeigen, wie Musik mit Show-Effekten durch Lichttechnik, Nebel und Maschinen in seiner Wirkung emotional verstärkt werden kann. Wir können natürlich nur Ansätze dieser Art in kleinem Maßstab und in maßvoller Weise verwirklichen. Aber ich denke, wir können dadurch eine größere Zahl von kreativen Jugendlichen ansprechen, die ein gutes Verständnis moderner Medientechnik mitbringen, selbst multimediale sinnvolle Kunst, die nicht perfekt aber fantasievoll sein muss, zu schaffen.

Mit dem iPad/iPhone können Klänge und Musik verschiedener Stilrichtungen und Instrumenteneigenschaften vom Benutzer oder vom programmierten Speicher erzeugt werden. Diese künstlerisch erzeugten Klänge können mit Naturklängen (wie Vögelstimmen), Geräuschen der Natur (wie Wasserfall, Rauschen von Bäumen) und Lärm der Technik (Auto, Schiff, Fabrik) gemischt oder in Beziehung gesetzt werden. Dies ist möglich durch Mikrofon und Lautsprecher bzw. über Kopfhöreranschluss des iPad/iPhone sowie durch entsprechende Software (App). 3 D-Raummusik kann u. a. im OG der Scheune des Fränkischen Hofs über acht installierte Lautsprecher eine natürliche Umgebung (wie Wald, Autofahrt, Stadt, Fabrik) suggerieren. Gekoppelt mit Panorama-Bildern und –Videos (u.a. von Torsten Hemke bei www.kunst-technik.de) können ganz neue audio-visuelle Eindrücke vermittelt werden. 3 D-Raumklänge wurden bereits in den 1990-er Jahren mittels der Raumklanganlage von acht Lautsprechern gesteuert von einem Apple-Performa PC im OG der Scheune des Fränkischen Hofs vorgeführt. Mit dem mobilen iPad kann der 3D-Raumeffekt optimiert werden.

Auch klassische Konzerte der Weingartner Musiktage Junger Künstler könnten mit sanftem Einsatz von Multimedia stimmungsvoll angereichert werden und damit sich vom normalen Konzertbetrieb abheben. Traditionelle Musik kann durch besondere e-Musik ergänzt werden, um neuartige Klangerlebnisse zu erzeugen.

Das iPad/iPhone kann auch räumlich verteilte Lautsprecher oder Tonerzeuger, die z. B. in einem Park oder Gebäude unsichtbar versteckt sind, steuern über interaktive Sensoren (z. B. Bewegungsmelder) oder feste Programme. Die Musik bzw. der Klang kann mit einer individuellen Fernbedienung des iPad vom jeweiligen Besucher ausgewählt werden, was seiner individuellen Stimmung entspricht. Sind mehrere Personen gleichzeitig im Raum, so empfangen die beteiligten Personen bzw. sie erzeugen sich unterschiedliche Musikprogramme über Kopfhörer. So kann ein Garten oder Park in eine Stimmungslandschaft mit individueller Ton- und Lichtkulisse verwandelt werden. Unser Garten könnte dazu ähnlich wie bei der Veranstaltung FRÄNKYART 2012 genutzt werden. Der Garten wird in einen kleinen Park verwandelt werden, wenn meine Frau ihn nicht mehr bewirtschaften kann.

Das MS-Gerät Kinect kann Körperbewegungen und Gestik in Steuersignale umsetzen. So könnte die Bewegung (z.B. der Gymnastik, oder Skifahrer-Abfahrtbewegung vor Fernseher) in musikalische Töne umgesetzt werden. Der Körper wird hier zur Musikerzeugung eingesetzt, im Gegensatz zur Bewegungserzeugung entsprechend der empfangenen Musik. So könnte ein Tänzer seine Bewegungen in Klänge/Musik eigener empfundener Stimmung umsetzen.  

Eine musikalische iPad-Komposition könnte von mehreren über Internet vernetzten Komponisten gemeinsam erzeugt und gespielt werden. Es könnte dabei die jeweilige lokale Geräuschkulisse in die Komposition einfließen. Über größere Entfernungen könnten so national unterschiedliche Traditionen kompositorisch bedeutsame Wirkungen  erzielen. Die erzeugten Klänge wie auch andere vorliegende Musikkompositionen können über Internet von einem weltweiten Publikum gehört werden.

Mit dem iPad/iPhone können stehende und laufende Bilder  (Videos) aufgenommen werden. Man könnte nun über diese Bilder die Bedienungsstruktur von SoundPrism transparent überlagern. So könnte man Videoclips  aus dem fahrenden Zug aufnehmen, speichern und danach musikalisch in Anlehnung an die Bilder stimmungsvolle Musik/Klänge dazu unter dem Eindruck des gerade Gesehenen über SoundPrism erzeugen. Es kann so Filmmusik im Kleinen von vielen Talenten vieler Menschen skizziert werden.

Wasserspiele und elektro-mechanische Gebilde können zusammen mit Lichtspielen vom iPad/iPhone gesteuert und musikalisch begleitet werden.

Bei all diesen Vorschlägen sind zusätzliche elektronische Geräte notwendig, die die iPad/iPhone-Signale an die verschiedenen dynamischen Peripheriegeräten zu deren Steuerung umsetzen. Hier könnte das Fraunhofer IDMT ins Spiel kommen. Es ist zu erwarten, dass mehr an das iPad anschließbare neue Geräte auf den Markt kommen werden.

Die hier vorgetragenen Ideen bedürfen natürlich noch eingehender Diskussionen mit verschiedenen Experten. Sie sollen aber das Feld skizzieren, in dem sich die Stiftung Kunst und Technik zukünftig einbringen will.

Ich bin sehr dafür, hier im Fränkischen Hof in Abstimmung mit AUDANIKA, IDMT und den Weingartner Musiktagen Junger Künstler ein jährliches Symposium mit experimentellen  Vorführungen (Musik-App Barcamp ?) abzuhalten und die deutsche Mobile-Music-Community einzuladen. Wir sollten das möglichst bald machen; denn wer zuerst kommt hat das Sagen. Mit der jährlichen AppArtAward-Preisverleihung im ZKM, zuletzt am 17.7.2013 wurde hier bereits ein Zeichen gesetzt. Aber das ZKM hat m. E. keine eigene innovative Note vorzuweisen. Da ZKM, HfM und HfG in Karlsruhe kein Interesse an einer Kooperation mit der Stiftung Kunst und Technik erkennen ließen und meine Einladungen über mehrere Jahre ignorierten, will ich sie  vorerst nicht einbeziehen. Mir scheint auch das IDMT ein geeigneterer Partner zu sein. Das neue Multmedia Center der HfM widmet sich mehr dem Theatergeschehen.


Das junge menschliche Umfeld
Die internationale Musikindustrie lebt vom starken Interesse vor allem der Jugend an neuartiger Musik, die von vielfältigen Musikbands den jeweiligen  „Fans“ dargeboten werden und denen diese huldigen, allerdings in Massen als Musikkonsumenten, auch als fanatische Gefolgsleute von Kultbands, die politische Parolen hiermit verbreiten. Diese Musikindustrie hat sich zu einem beachtlichen Wirtschaftsfaktor entwickelt, u. a. auch durch iPods und Smartphones mittels MP3-Übertragung via Internet. Musik ist also ein wichtiger Bestandteil unseres alltäglichen Lebens geworden.

Jeder Mensch liebt Musik (auf seine Weise). Jeder Mensch kann Klänge und Klangfolgen erzeugen, mit seinem Mund und mit einem Instrument. Klänge können verschiedenartig zu Musik geordnet werden, sie können dann lieblich oder schrill klingen, je nach Anordnung der Klänge und dem verwendeten Musikinstrument. Das herkömmliche manuell bediente Instrument wie Geige oder Klavier erzeugt auf Grund seiner physikalischen Eigenschaften spezifische, ihm eigene Töne, die durch Druck des bewegten Geigenbogens oder durch stärkeren Anschlag der Tasten eine größere Lautstärke ergeben. Der Geiger und der Pianist muss die Noten, die er lesen und gekonnt als Töne interpretiert, in die entsprechenden Fingerbewegungen mit haptischem Gefühl am Instrument umsetzen. Um die Komposition gut wiederzugeben, ist ein langer mühsamer Lern- und Übungsprozess des Geigers und des Pianisten nötig. Da nur wenige talentierte Musiker zu höchster Spielreife gelangen können, ist deren Zahl gering.  So sieht man diese Musik einer kleinen Elite vorbehalten. Die Mehrzahl der Menschen in unserer Gesellschaft aber steht der selbst ausgeübten Musik fern und hört Musik meist passiv zur Unterhaltung und Stimmungsmache. Die Jugend benutzt die kleinen mobilen Hosentaschengeräte wie iPods und Smartphones, um aus einer riesigen Musikdatenbank ständig weltweit eine Vielzahl von Musikstücken dank des schnellen Musikcodes MP3 ins Ohr zu laden und Musik oft gefühlslos zu konsumieren.

Aus dem Fraunhofer Institut IDMT unter Prof. Dr. K. Brandenburg in Ilmenau (früher Erlangen), das den weltweit meist verbreiteten Kompressionscode MP3  zur schnellen Musikübertragung auf Computer entscheidend  mitentwickelt hat, gründete sich die junge innovative Firma AUDANIKA aus. Unter David und Dr. Gabriel Gatzsche, beide professionelle Musiker, wurde hier die Anwendungssoftware (App.) SoundPrism als Harmonieinstrument auf musiktheoretischen Grundlagen entwickelt.

Mit SoundPrism kann jeder Mensch, selbst wenn er noch nie ein Instrument gespielt hat, sehr schnell eigene Harmonien zusammenstellen, ohne die Hürde überwinden zu müssen, ein Instrument langwierig zu lernen. Dies kann natürlich für viele auch weniger begabte Jugendliche schnell zu einem Erfolgserlebnis führen und ihnen stärkeres Interesse am Komponieren und Improvisieren eigener Musik vermitteln! Ich bin überzeugt, dass in sehr vielen Menschen aller Altersklassen, auch bei  Senioren, musikalisches Talent geweckt werden kann, um kreativ neue Musik, also eine neue Klangwelt, mit großer Freude zu gestalten! Komplexe Musikkonzepte können so genutzt werden, um wunderschöne Musikstücke zu improvisieren - so kann jeder mit SoundPrism  intuitiv neue Kompositionen erstellen (Gatzsche).

Mit der App. SoundPrismPro  (für 5 € aus dem AppStore zu laden) stehen Synthesizer hoher Qualität, viele Klangeffekte und Kopplungen mit anderen Musik-Apps zur Verfügung, so dass ein breites Spektrum neuartiger Klangerlebnisse (u.a. auch unter Einbeziehung klassischer Instrumente, Gesänge, Tierklänge und Naturgeräusche) erzeugt werden kann. Alle Kompositionen und Improvisationen können gespeichert, weltweit über Internet veröffentlicht und in Noten automatisch festgehalten und weitergegeben werden. All diese Tätigkeiten können ortsunabhängig, wie auf Reisen und im Pendelverkehr, auf den mobilen Geräten wie iPhone und iPad (preiswert ab 500 €) spontan durch plötzliche Gedanken oder Ereignisse ausgelöst oder in ruhiger Naturumgebung durchgeführt werden.  Der Touch-Bildschirm ermöglicht ganz neue Instrumenten-Oberflächen zu entwickeln. Da diese Oberflächen oftmals ganz anders als die klassischer Instrumente sind, wird das musikalische Denken in ganz neuer Weise trainiert. Große Lautsprecher können den Klangeindruck erheblich verbessern. Auch Monitore und Beamer können angeschlossen und Bilder mit Klängen synchronisiert werden. Erst seit drei Jahren sind iPads auf dem Markt. Durch die fortgeschrittene Miniaturisierung der Elektronik und durch den schnellen Zugang zum Internet können jetzt große teure Aufnahmestudios hoher Qualität in mobile Taschencomputer gepackt und unter das Volk gebracht werden. Das ist eine echte Revolution, die auch einen drastischen Kulturwandel zur Folge hat!

Wie Aufnahmestudios nicht die traditionellen Musikdarbietungen mit Einzelinstrumenten bei Solo- oder Konzertaufführungen verdrängt haben, so ist nicht zu erwarten, dass sich das wesentlich ändern wird. Es ist hier nicht beabsichtigt, einzelne Instrumente nachzuahmen, wiewohl die Elektronik heute auch die feinsten Töne erzeugen, wie sie die feinsten Fotos schießen kann. Die Elektronik soll das machen, was herkömmliche Instrumente nicht können.  Es ist zu hoffen, dass mit den neuen elektronischen Möglichkeiten bei vielen Menschen das Interesse an eigener Musikgestaltung wächst und kreative Kräfte in größerer Zahl neuartige Musikexperimente durchführen und damit die Musikwelt bereichern werden. Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass Musik den allgemeinen Lernprozess, das Selbstbewusstsein  und die Intelligenz beim Menschen fördert und Emotionen positiv zum Ausdruck bringt. Musik kann auch therapeutisch wirken und u.a. Aggressivität reduzieren. Das Ziel ist doch, mehr junge Menschen zur aktiven Musikausübung und zur eigenen Musikgestaltung als Teil ihrer Bildung zu führen.

Der Umgang mit dem mächtigen Werkzeug SoundPrism erfordert Disziplin; er sollte durch kompetente Personen geschult werden. Kinder sollten mit dieser Technik nicht unbeaufsichtigt gelassen werden, da einseitige und uneingeschränkte Nutzung der Technik zur Verkümmerung anderer wichtiger geistiger wie körperlicher Betätigungen führen und dadurch die kindliche Entwicklung stören kann.